Sehnsucht nach Montag

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Hockend in der Ecke, lasse ich meine acht langen Beine rhythmisch baumeln. Mein dünner Körper erlaubt mir elegante Bewegungen. Ich erspähe die weiträumig gewebte Landschaft. Ich bin überwältigt. Die Nähe zum Himmel und das Gefühl des Schwebens erfüllen mich mit Glückseligkeit…bis ich abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück gezerrt werde.
Hinter meiner zierlichen Figur lässt sich mein Unmut nicht ahnen. Der Gedanke an das, was sich in den nächsten Minuten ereignen wird, lässt mich vor Wut zittern.
Wieso tut man mir das an?
Aus der schwer zu erreichenden Stelle, die ich mir als Aussichtspunkt ausgesucht habe, kann ich das ganze Szenario ungestört beobachten und unüberhörbar schimpfen.
In wenigen Minuten öffnet das Museum seine Türen und lautstarke Besucher werden sich in Strömen ausbreiten. Sie werden sich hastig an die Overall-Ausleihe wenden, um mit den plumpen Outfits die Installation betreten zu dürfen.
Mit wenig Geschick werden die Zweibeiner auf dem filigranen Netz herum stampfen. Schwitzend werden sie, trotz großer Anstrengung, kaum vorwärts kommen. Übermüdet werden sie ihre schweren Körper auf die leichten Seidenkissen fallen lassen.
Pffff…pffff…pffff…wird die Luft aus den luftigen Wölkchen raus platzen.
Was bilden sie sich nur ein, während sie sich unästhetisch in dem Gewebe verheddern? Die Gestalten sehen auf der transparenten und leichten Installation lächerlich aus. Nur sie ahnen es nicht einmal.
Nachdem das Museum über unzählige Jahre zu meiner Heimat geworden ist, habe ich mir zu den Exponaten stets eine qualifizierte Meinung gebildet.
Nun jetzt bin ich über das Ergebnis der Ausstellung entsetzt.
Entspricht dieser groteske Schauplatz den Absichten von Tomás? Seine Intention als Künstler dürfte sich nicht einzig und alleine auf die Interaktion zwischen Besucher und Kunstwerk begrenzt haben. Wo bleiben die Ästhetik und die Magie?
Die betörende Schönheit des erschaffenen Spinnennetzes löst sich rasch, wie eine schwerelose Seifenblase, in Luft auf.
Dieser Raum ist mein persönliches Reich. Mein alleiniges Zuhause. Wieso sollte ich meine vier Netze mit fettleibigen Kreaturen freudig teilen?
Seit Wochen muss ich diesen Anblick Tag für Tag ertragen. Es strengt mich unendlich an.
Ich sehne mich nach Montag.

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Über angica

I love what I live: daydreaming ▪ architecture ▪ photography ▪ travel ▪ silence ▪ art ▪ my curiosity ▪ books ▪ abstraction ▪ languages ▪ dialogues ▪ writing ▪ museums ▪ sea ▪ guitar ▪ colour blue ▪ food ▪ details ▪ filigree ▪ change ▪ motion ▪ my freckles ▪ manual work ▪ piano ▪ colour white ▪ flamenco music ▪ salt water ▪ haiku ▪ sweets ▪ warmth ▪ reduction ▪ lateral thinking ▪ inspirations ▪ yoga ▪ sand ▪ light, light and more light.
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