Der Himmel im Meer

Der Himmel im Meer
Die Helligkeit weckt mich am Morgen. Ich habe vergessen gestern Nacht die äußere Holzmarkise zu verriegeln. Der wütende Wind hat sie in der Dunkelheit aufgerissen.
Ein kühles Licht durchflutet das weiße Schlafzimmer und holt mich sachte aus meinem Schlaf heraus.
Das Licht wird bald sehr hell. Sogar unter meinen Augenlidern schimmert es silbern.
Die afrikanische Küste ist noch im Dunst verhüllt. Die Grenzen zwischen Wasser, Küste und Himmel verschwimmen.
Weiße Wolken bedecken den Himmel. Sie werden von oben angestrahlt.
Die Sonne ist nicht zu sehen. Ich kann sie nur erahnen. Und trotzdem schwimmt die gesamte Umgebung in einem Meer aus Licht, weißes Morgenlicht.
Das Meer und das Licht sind eins. Die Wellen schlagen konstant gegen die felsige Klippe. Das Licht macht die Bewegung des Wassers nach. Lichtreflexe schmiegen sich sanft über die krauselige Oberfläche.
Langsam bewegen sich die Wolken in Richtung Norden und machen Platz für eine unendliche blaue Tiefe, die sich mit dem Salzwasser vereint.
Die Gräser müssen sich dem Nachtwind nicht mehr beugen und wenden sich noch zittrig dem Himmel zu.
Die Morgensonne gießt Gold über die karge Landschaft, aber im Schatten ist der Boden immer noch mit frischem Morgentau besprenkelt.

Der Tag erwacht.
Über meinem Kopf steigt die glühende Sonne rapide in die Höhe.
Als ich in die Hitze des Nachmittags hinaustrete, schlägt und tritt die Sonne mit feurigen Peitschen mit ganzer Kraft um sich.
Sie trifft alles was sich nicht unter einem Schatten in Schutz bringt.
Sie prallt auf meine helle Haut, die mit kindlichen Sommersprossen übersät ist und hinterlässt ihre Spuren, als ob sie durch Brandmarkung eine Geschichte schreiben will.
Die Heftigkeit ihrer Ausstrahlung ist gleichermaßen gut und bösartig. Die krankmachende und gesundheitsschädigende Wucht ist gleichsam Energie und Lebensquelle.


Geblendet durch das grelle Licht sehe ich während der Autofahrt rechts und links nichts als verbrannte Erde und strubbelige Olivenhaine.
So weit das Auge reicht, ist nichts anderes in Sicht.
Die Augen haben trotz dunkler Brille große Mühe die Flut an Mittelmeerlicht zu regulieren. Ich muss in der aggressiven Helligkeit die Augen mehrmals zukneifen.
Die Landschaft verändert sich nicht und die Straßenschilder kündigen weiterhin noch eine lange monotone Fahrt an.
Die verblühten Sonnenblumen beugen sich demütig. Drehen ihre verbrannten Köpfe gegen das Erdreich. Sie halten vehement ihre bröseligen schlanken Körper, bis sie erschöpft in der Dürre zusammenbrechen.
In der Ferne erblicke ich weißes, geometrisches Gestein, inkrustiert in der verdörrten Felsenlandschaft. Immer deutlicher zeichnet sich ein Geschwür aus scheinbar unordentlich gewachsenen Würfelhäusern ab. Die labyrinthischen Gassen spielen dem Fremdling kontinuierlich lustige Streiche. Ein Fremdling in einer Glitzerwelt.
Der Fremde erblindet unter den von der Kalktünche reflektierten stechenden Sonnenstrahlen und streift verzweifelt durch den Irrgarten. Suchend nach Schatten biegt er zum wiederholten Mal um die Ecke und verschwindet im Abweg.

Der plötzliche Anblick auf das Meeresufer belebt meine ermüdeten Sinne.
Der lange Sandstrand lädt mich ein, meine Fußabdrücke auf der glitzernden Oberfläche zu prägen. Wie ein Stempel, der auf dem Stoff wieder und wieder ein Muster aufdruckt.
Die Lichter von Tanger scheinen nach Europa hinüber.
Die drehenden Lichtstrahlen des Leuchtturms am südlichsten Punkt des europäischen Festlands tasten Land und Wasser wie eine riesige Taschenlampe ab.

Der Sonnenuntergang lockt die Surfer ins Wasser. Ein Spektakel beginnt. Die Sportler gleiten rasch und grazil über die schillernde Oberfläche.
Sie drehen im Schweinwerferlicht der Abendsonne kunstvolle Pirouetten.
Die Sonate des Windes gibt den Wellentänzern den Takt vor. Die ständig wechselnden Rhythmen werden von dem wärmenden Ostwind ‚Levante‘ und den stürmischen Böen ‚Poniente‘ markiert.
Die Figuren springen mit Leichtigkeit durch die Luft. Unermüdlich setzen sie die Vorstellung, getragen vom warmen Licht, fort.


Erst in den Abendstunden finden meine angestrengten Pupillen ihre Ruhe.

Mit der schwindenden Kraft der Sonne lässt auch die Bewegung der Wellenreiter nach. Sie lassen sich von dem sanften Seeschlag auf den güldenen Sand gleiten.
Die sinkende Sonne pinselt einen roten Pfad vom Horizont zum Ufer.

In perfekter zeitlicher Koordination wird die Darbietung an die fröhlich zwitschernde Schwalben auf dem Platz de la Alameda übergeben.
Ohne Pause wird das Bühnenbild während des Theaterstückes nahtlos gewechselt.
Der nachtblaue Himmel füllt sich mit funkelnden Sternen, die die singenden Darsteller anstrahlen. Die schlanken Zugvögel kreisen um die wehenden Palmen mit rasanter Geschwindigkeit.
Sie scheinen zu befürchten, dass das Theaterlicht auf der Plaza vor Ende der Aufführung abgeschaltet wird.
Die stechend weiße Tünche der Häuser reflektiert während der Abendstunden das Sternenlicht.

Die Sterne explodieren wie Popcorn in heißem Fett und zeichnen sich lautlos im Nachthimmel ab.
Die Strahlen der flackernden Himmelskörper brechen sich verspielt auf der fließenden Wasseroberfläche der Meeresenge.
Ich träume von unzähligen Eiswürfeln, die sich von der Strömung wegtragen lassen, bis sie wie Schneeflocken im warmen Wasser schmelzen.
Auf ihren sich im Strudel drehenden Seiten spiegeln sich abwechselnd die irisierenden Lichter der Häuser, des Leuchtturmes und das der Sternen.
Die Eiswürfel schmelzen. Ich schließe meine Augen. Der Schein verglüht.

Ein lichter Tag geht zu Ende.
Der Himmel im Meer-6930

Read more in
cover mosaik aus licht
‚Mosaik aus Licht‘
Anthologies
Soon available at Amazon.de
ISBN 1-234567-89-0

Advertisements

Über angica

I love what I live: daydreaming ▪ architecture ▪ photography ▪ travel ▪ silence ▪ art ▪ my curiosity ▪ books ▪ abstraction ▪ languages ▪ dialogues ▪ writing ▪ museums ▪ sea ▪ guitar ▪ colour blue ▪ food ▪ details ▪ filigree ▪ change ▪ motion ▪ my freckles ▪ manual work ▪ piano ▪ colour white ▪ flamenco music ▪ salt water ▪ haiku ▪ sweets ▪ warmth ▪ reduction ▪ lateral thinking ▪ inspirations ▪ yoga ▪ sand ▪ light, light and more light.
Dieser Beitrag wurde unter nature, photography, Travel abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s